Wettbewerbsrecht

Fake-Views für Hip Hop-Stars auf Instagram – Was gilt rechtlich?

Der bis vor kurzem noch unbekannte Rapper „Mero“ generierte 5,9 Millionen Views auf YouTube – ein Rekord. Doch ging bei den View-Zahlen von Mero alles mit rechten Dingen zu? Es besteht der Verdacht, dass drei Jugendliche verschiedenen Rappern gefakte Video-Abrufe zugeschustert haben. Inzwischen scheinen die drei Teenager ihre Dienste auch gegen Geld anzubieten: 25 Euro kosten 1 Millionen Views. Doch wie ist die Rechtslage bei gekauften Views? Verstoßen Käufer und Verkäufer gegen geltendes Recht? Und was ist, wenn jemandem unechte Klicks untergejubelt werden, ohne dass er diese haben will?

Der bis vor kurzem noch unbekannte 18-jährige Rapper Enes Meral alias „Mero“ generierte allein mit seinem ersten Track „Baller los“ innerhalb von nur vier Tagen rund 5,9 Millionen Views auf YouTube und 4,2 Millionen Streams auf Spotify. Damit stellte er einen neuen Rekord auf. Auch seine Instagram-Videos schossen in die Höhe. Und Instagram ist inzwischen auch für die Hip-Hop-Szene eine der wichtigsten Marketing-Plattformen geworden.

Doch ging bei den View-Zahlen von Mero alles mit rechten Dingen zu? Klickten tatsächlich so viele Nutzer auf die Videos, oder sind ein Teil seiner Views unecht?

Diese Frage kam in den vergangenen Tagen auf, da zuletzt drei jugendliche Klickkäufer für Aufregung im Netz sorgten. Die drei hatten diversen Stars und Nachwuchs-Rappern gefakte Video-Abrufe zugeschustert. Einer der Hintermänner (15) ist Betreiber des Instagram-Accounts „333plus“. Dort gab er preis, dass er gemeinsam mit zwei Freunden (beide 16) unter Verwendung von Bot-Software Views generiert habe. So sollen ihnen u.a. Szene-Schwergewichte wie Capital Bra, Fler, Farid Bang, Nimo und Samra zum Opfer gefallen sein. Die Auswahl, wem die drei Teenager Views zuschusterten, erfolgte offenbar zufällig. Gegenüber der Marketing-Plattform „OMR“ äußerten sie sich im Interview wie folgt: „Wir wollten Aufmerksamkeit bekommen, diese Newcomer-Szene ein bisschen stoppen und die Klicks entwerten.“

Inzwischen scheinen die drei Teenager ihre Dienste auch gegen Geld anzubieten. Und die View-Käufe sind alles andere als kostspielig. Lediglich 25 Euro kosten 1 Millionen Views. Einer der drei Teenager erklärte jüngst, dass derjenige der Klicks will, diese auch bekomme. „Und wenn wir etwas dafür bekommen, finde ich das nicht widersprüchlich“, so einer der drei Jungs.

Doch wie ist die Rechtslage bei gekauften Views? Verstoßen Käufer und Verkäufer gegen geltendes Recht? Und was ist, wenn jemanden unechte Klicks untergejubelt werden, ohne dass er diese haben will?

Was droht den Jugendlichen?

Widmen wir uns zunächst den Jugendlichen, denn hier muss man bereits zwei Varianten unterscheiden:

Das tatsächliche Verkaufen von Views

Dies dürfte ebenfalls eine unlautere Wettbewerbshandlung darstellen, weil der Verkauf den Käufer dazu verleitet, seinen Vertrag mit dem Netzwerk zu brechen. Die eigenen Mitbewerber, z.B. andere Agenturen, könnten die Jugendlichen möglicherweise ebenfalls abmahnen. Hierzu gibt es m.E. aber noch keine Entscheidungen.

Im Übrigen wäre auch denkbar, dass das soziale Netzwerk sich direkt an die Jugendlichen wendet, da sie in unerwünschter Weise die Funktionen der Plattform manipulieren, was einen rechtswidrigen Eingriff in eingerichteten und ausgeübten Gewerbebetrieb gem. § 823 Abs. 1 Bürgerliches Gesetzbuch (BGB) darstellen könnte.

Strafbar dürfte ihr Verhalten nicht sein. Zu denken wäre allenfalls an Betrug – doch hier wurde nicht derjenige um sein Geld gebracht, der getäuscht wurde. Es ist vielmehr so, dass Musiker zahlen, um mehr Views zu bekommen, was sich mittelbar auf deren Wettbewerbsverhältnis zu anderen Musikern auswirkt.

Das „Unterschieben“ von Views, um die Rapper zu schädigen

Indem die Jugendlichen zuvor den Rappern Views untergeschoben haben, um ihre Klicks zu entwerten, könnten sie sich ebenfalls rechtswidrig verhalten haben.

Zunächst ist auch hier an einen rechtswidrigen Eingriff in eingerichteten und ausgeübten Gewerbebetrieb gem. § 823 Abs. 1 BGB zu denken.

Außerdem dürften sie gegen die AGB der Plattform selbst verstoßen haben, indem sie fremde Videos manipuliert haben.

Ein Wettbewerbsverstoß dürfte hingegen nicht vorliegen, weil sie hier keine Mitbewerber behindert haben – schließlich stehen die Rapper nicht in einem konkreten Wettbewerbsverhältnis zu den Jugendlichen.

Strafbar dürfte ihr Verhalten auch nicht gewesen sein, weil sie sich zu diesem Zeitpunkt noch keinen Vermögensvorteil verschaffen wollten.

Und wie sieht es beim Kaufen von Views aus?

Das Kaufen von Views dürfte gegen das Irreführungsverbot in § 5 des Gesetzes gegen den Unlauteren Wettbewerb (UWG) verstoßen. Zwar gibt es meines Erachtens noch keine Urteile, die sich mit gekauften Views befassen, wohl aber Entscheidungen, die gekaufte „Likes“ als wettbewerbswidrig beurteilt haben (Landgericht (LG) Stuttgart, Beschl. v. 06.08.2014, Az. 37 O 34/14 KfH). Das LG entschied, dass ein Unternehmen auf Facebook nicht mit gekauften „Likes“ werben darf. Dies sei eine irreführende Werbung. Denn die viele Likes wiesen auf eine besondere Fähigkeit hin, mit Kunden umzugehen und unterstellten weitreichende Vernetzung sowie große Bekanntheit. Noch deutlicher ist die Rechtslage bei gekauften Bewertungen – diese gelten ebenfalls als irreführende Werbung, wie inzwischen schon mehrere Gerichte entschieden haben.

Nichts anderes dürfte bei gekauften Views gelten. Bei Videos ist die Zahl der Views entscheidend, sowohl für den Eindruck der Popularität des Inhalts als auch für das Ranking in dem sozialen Netzwerk. Die Anzahl der Views ist eine Art „digitale Währung“ im Netz und täuscht eine tatsächlich nicht vorhandene Bekanntheit und Beliebtheit im Netz vor. Diese Täuschung der Nutzer ist geeignet, anderen konkurrierenden Musiker Nachteile zuzuführen. Manipulationen der Viewzahlen können z.B. im Kampf um gutdotierte Werbeverträge eine Rolle spielen und andere Stars der gleichen Branche beeinträchtigen. Wer also im geschäftlichen Verkehr Views kauft, muss mit Abmahnungen und Unterlassungsklagen von Wettbewerbern, Verbraucher- oder Wettbewerbsverbänden rechnen.

Anders sieht es bei Privatpersonen aus – sie können maximal mit Konsequenzen seitens des sozialen Netzwerks rechnen, nicht aber mit rechtlichen Konsequenzen. Denn das UWG ist hier nicht anwendbar. Das Kaufen von Views verstößt aber m.E. gegen die Richtlinien von Instagram, in denen steht: „Du darfst nichts Rechtswidriges, Irreführendes oder Betrügerisches oder etwas für einen illegalen oder unberechtigten Zweck tun.“ Wirtschaftlich agierende verstoßen ja tatsächlich gegen das Gesetz – doch auch Privatpersonen führen ja andere in die Irre, insofern könnte Instagram das anders bewerten als ein Gericht. Instagram könnte also z.B. Videos sperren, den Account kündigen und löschen.“

ahe/tsp


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Christian Solmecke ist Partner der Kanzlei WILDE BEUGER SOLMECKE und inbesondere in den Bereichen des IT-, des Medien- und des Internetrechts tätig. Darüber hinaus ist er Autor zahlreicher juristischer Fachveröffentlichungen in diesen Bereichen.

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RSSKommentare (2)

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  1. lorem sagt:

    Youtube Views lassen sich bei Google Ads direkt einkaufen, in dem das Video einfach als Anzeige ausgespielt wird. Sie könnten beispielsweise Ihr neustes Youtubevideo einfach als Instream Anzeige anderen Videos vorschalten. In Ihrem Profil werden die Views, die durch Werbung entstanden sind, einfach zu den organischen Views, die Sie sowieso bekommen, dazugezählt.

    Das ist zwar erheblich teurer als bei den beiden Jugendlichen aber ich sehe da ehrlich gesagt nicht, wo der Unterschied ist.

    Dass die Views direkt bei Google gekauft wurden, ist für Außenstehende auch überhaupt nicht ersichtlich.

    Müsste man dann nicht Google oder jeden, der auf Youtube wirbt dann nicht auch irgendwie belangen? Man könnte sich ja auch wundern, wieso der Youtube Account von Nike ein paar extrem View-starke Videos (über 16 mio, durch Werbung) hat, während andere Videos bei 6.000 Views herumdümpeln.

  2. Roland sagt:

    Eigentlich ganz clever, die Bürschchen. Egal, ob sie die „Clickzahlen“ entwerten oder einem Rapper zum Erfolg verhelfen wollten, gut gemacht war das. Wodurch soll sich dieses „Verhalten“ eigentlich von der „normalen Werbung“ unterscheiden, denn hier wird ja auch seit „je her“ bezahlt Aufmerksamkeit „erregt“ und, das dürfte ebenfalls unstrittig sein, gelogen, was das Zeug hält. Wer eine bestimmte Zigarette raucht, wird zum Surviver oder wilden Cowboy oder geht schlicht und ergreifend „nicht so schnell in die Luft“. Dass Waschmittel sich nicht „weisser als weiss“ waschend erweisen, ist auch bekannt, lediglich ein dubioser Zusatz bedingt, dass UV Strahlung stärker reflektiert wird. Mag „clever“ sein, ist aber m. E. Betrug. Nun haben sich die Werbemedien verlagert und Kleinstunternehmer die PR für sich entdeckt und zum ersten Mal die Möglichkeit, selbst das zu tun, was die Werbe“industrie“ seit Jahrzehnten unangetastet getan hat, „Fakenews“ verbreitet, um bestimmte Dinge damit zu erreichen. Im ganz grossen Stil nennt man dies neuerdings embedded journalism, in Wahrheit die „Verbreitung von Unwahrheiten“ und/oder „gefilterten Wahrheiten“. Das Netz ist voll von Portalen, die „nur die besten Anbieter oder Angebote“ automatisch suchen, dabei aber häufig nur „zahlende Werbetreibende“ auflisten- Anwalts- Arzt- etc. Portale oder „Kundenmeinungen“ zu Hotels, Gastrobetrieben etc. ermöglichen, wo dann oft anonym gegen die Konkurrenz „gelogen,gehetzt“ werden kann oder eben bezahlte Lobpreisungen veröffentlicht werden, die ggfs. mit der Realität nichts zu tun haben. Peinlich wird es, wenn man sich „Follower kauft“, wie auf dem Gesichtsportal deutlich wird. Da haben Accounts ein paar „normale Freunde“ und überproportional viele „Freunde sichtbar aus Pakistan etc.“. Wie verlockend so ein Gebaren sein kann, sieht man an Jungmilliardärinnen, die ursprünglich „nichts als eine überproportionalen Hintern“ vermarktet haben. Seitdem brummt das Geschäft der „Fettverpflanzung“……Rechtlich nicht zu stoppen, verwerflich-???-wer Mrd. umsetzt, hat immer „Recht“ und, ja, unschön ist es zweifellos, aber da gibt es Wichtigeres, u. A. die „normale Werbeindustrie“ in der Politik bspw. Da wären genügend, auch jur. Ansätze!

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