Internetrecht

Was ist aus dem Facebook Open Source Konkurrenten Diaspora geworden?

Am 4. Oktober 2012 meldete Facebook das Erreichen der Marke von 1 Milliarde Nutzer, natürlich per Facebook-Eintrag auf der Facebook-Seite von Gründer Mark Zuckerberg.

Vor dem Hintergrund dieser Dominanz ist, trotz des bislang eingebrochenen Facebook-Aktienkurses, keine Social Networking Plattform als wirklich ernsthafter Konkurrent ins Gespräch gebracht worden.

Zwar wird Google Plus als Social Networking Plattform des Suchmaschinenriesen Google laut dem Analysten Paul Allen bis Ende 2012 die Marke von 400 Millionen Nutzern erreichen. Allerdings wird hierbei vielfach darauf verwiesen, dass diese Zahl wenig aussagekräftig ist, da Google Plus jedem Benutzer des Google E-Mail Dienstes G-mail automatisch zur Verfügung gestellt wird.

Die tatsächliche Zahl der wirklich aktiven Nutzer soll deutlich niedriger sein (dies muss allerdings auch bei der Zahl der Nutzer von Facebook eingewendet werden: von den 1 Milliarde Nutzern ist nach Expertenmeinung ein deutlich geringer Teil als wirklich „aktiv“ zu qualifizieren).

Diaspora als „Facebook Killer“?

Einige Technologie-Webseiten brachten daher die Open Source Plattform Diaspora als Alternative ins Spiel, andere feierten diese schon etwas überschwänglicher als „Facebook Killer“.

Mit etwas über 2 Millionen geschätzten Nutzern Ende 2011 (aktuellste Schätzung des Diaspora Teams) dürfte Diaspora noch weit davon entfernt sein, eine ersthafte Bedrohung für Facebook darzustellen.

Was ist Diaspora und warum kann es eine interessante Alternative zu Facebook sein

Diaspora ist eine Social Networking Plattform, die sich selbst als distributed social networking service (d.h. verteilter/dezentralisierter Sozialer Netzwerk Dienst) bezeichnet.

Anders als Facebook verfügt Diaspora nämlich über keine zentralen Server. Stattdessen ist Diaspora auf viele dezentrale Server verteilt. Jeder individuelle Nutzer kann Diaspora seinen Rechner Diaspora als Server (von Diaspora „pods“ genannt) zur Verfügung stellen. Das sorgt für eine große Stabilität des Netzwerkes und macht es beispielsweise für Demokratieaktivisten interessant, die nicht mehr die Blockierung oder zentraler Server befürchten müssen.

Ferner ist Diaspora ein Free Software Projekt, d.h. eine Software, die für jeden Zweck ausgeführt, untersucht, modifiziert und in ursprünglicher oder modifizierter Form weiterverbreitet werden darf. Das bedeutet, dass die Benutzer selbst an der Weiterentwicklung nicht nur von begrenzten Anwendungen („Apps“) sondern auch von Kernfunktionen mitwirken können. Anders als bei Facebook oder Google Plus muss also nicht darauf gewartet werden, bis Funktionen entwickelt werden, die diese Unternehmen für hilfreich erachten. Die Benutzer selbst bestimmen also das Tempo der Innovation der Plattform mit.

Überraschend großer Einfluss von Diaspora auf Google Plus und Facebook Design und Funktionen

Bei der geringen Nutzerzahl von Diaspora ist es überaus erstaunlich, wie groß bereits der Einfluss von Diaspora auf die großen Plattformen Facebook und Google Plus bereits war.

Die Möglichkeit, bestimmte Beiträge mit einer nur begrenzten Anzahl von teilen zu können und nicht automatisch mit allen Kontakten („Freunden“) teilen zu müssen, wurde erstmals von Diaspora vorgestellt. Hierbei war es möglich, unterschiedliche Kreise von Kontakten zu erstellen (z.B. Freunde, Bekannte, Geschäftsbeziehungen, Kunden etc.) und zu entscheiden mit welchem dieser Kreise man einen bestimmten Beitrag teilen wollte.

Bei der Veröffentlichung von Google Plus im Juni 2011 enthielt dieses bereits eine überraschend ähnliche Funktionalität, die „Circles“ genannt wurde. Kurze Zeit später zog Facebook mit einer ähnlichen Funktion nach. Dieses zeigt deutlich die Stärke eines derartigen offenen, dezentralen sozialen Netzwerkes, das auf mündige Nutzer gründet.

Dateneigentum als weitere attraktive Funktion von Diaspora

Anders als bei Facebook bleiben die in Diaspora geposteten Daten Eigentum des Benutzers. D.h. der Benutzer kann jederzeit Beiträge, geteilte Links und persönliche Details entfernen, herunterladen oder in andere soziale Netzwerke exportieren.

Die Zukunft von Diaspora, das Schwesterprojekt Makr.io

Am 27. August 2012 versendeten die Diaspora Gründer eine E-Mail an alle Nutzer, in der sie berichteten, das Projekt in ein Community Project zu überführen. Damit wird das Projekt offiziell ein Netzgemeinschaftsprojekt und die Gründer wechseln vom „Fahrersitz auf die Rückbank“ des Projektes. Das Diaspora Gründer-Team wird dem Projekt noch in einer Mentoren-Funktion erhalten bleiben, aber ein Großteil der Entscheidungen und Entwicklungen wird künftig von der Nutzergemeinschaft übernommen.

Das Diaspora-Team wird sich künftig vor allem einem neuen Schwesterprojekt von Diaspora widmen, das den Namen Makr.io trägt.

Makr.io ist eine Plattform, die Tools zur Verfügung stellt, um alle Arten von Inhalte aus dem gesamten Internet zu sammeln und vollkommen neu zu vermischen („Remix“). Ferner sollen diese Tools vollkommen neue Möglichkeiten der Kooperation mit anderen Webnutzern bei diesem „Remix“ bieten. Inwiefern sich derartige Remix-Projekte urheberrechtlich auswirken können, bleibt abzuwarten.

Insgesamt bleibt es sehr fraglich, ob das Diaspora-Projekt in naher Zukunft Facebook herausfordern kann oder sogar ein „Facebook Killer“ werden kann.

Erfolgsgeschichte anderer Free und Open Software Projekte

Allerdings hat das Projekt durch die deutliche Beeinflussung von Facebook und Google Plus die Stärke derart offener Projekte gezeigt. Ferner hat die Erfolgsgeschichte von anderen Open bzw. Free Software Projekten wie Linux, Drupal oder der Apache Software eindrucksvoll demonstriert, dass diese eine attraktive Alternative zu proprietärer Software bieten und einen erheblichen Marktanteil erobern können.

In jedem Falle gilt das Mantra der schnellen Internetökonomie: niemand kann sich sicher sein, dass Google von heute zu bleiben und nicht das Alta Vista von morgen zu werden.

Das gilt auch für Facebook.

Christian Solmecke ist Partner der Kanzlei WILDE BEUGER SOLMECKE und inbesondere in den Bereichen des IT-, des Medien- und des Internetrechts tätig. Darüber hinaus ist er Autor zahlreicher juristischer Fachveröffentlichungen in diesen Bereichen.

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