Urheberrecht

BVR beanstandet Umgang der ARD mit Filmen und Filmemachern

Nachdem durch die Berichterstattung der SZ über ein internes Papier der ARD zur quoten-diktierten „Degeto“-Politik die medienpolitische Diskussion in der Branche angeregt wurde, wandte sich der Bundesverband Regie (BVR) in einem Brandbrief an die unter MDR-Intendant Udo Reiter tagende neue Arbeitsgruppe „Degeto“. Im folgenden geben wir den Brief im Wortlaut wieder:
Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrter Herr Reiter,

mit großem Interesse haben wir zur Kenntnis genommen, daß die ARD-Intendanten eine Arbeitsgruppe zur Degeto eingesetzt haben, die heute tagen wird. Aus Sicht der Film- und Fernsehregisseure ist es außerordentlich zu begrüßen, daß sich die ARD mit den Problemen, die rund um die Degeto entstanden sind, konstruktiv auseinandersetzt. Gestatten Sie, daß wir aus Sicht der Fernseh- und Filmregisseure Ihnen bei Ihren Beratungen einige Überlegungen mit auf den Weg geben.

Die Degeto stand früher in Wahrnehmung des öffentlich-rechtlichen Programmauftrages für den Einkauf hochwertiger Filmkultur, welche (ggf. nach einer Synchronisierung) den Zuschauern respektive Gebührenzahlern vermittelt wurde. Seit geraumer Zeit ist jedoch zu beobachten, daß die Degeto zunehmend die den Rundfunkanstalten selbst zukommende Funktion als Auftraggeber von Fernsehspielfilmen übernimmt. In diesem Zusammenhang wird von kritischen Zuschauern, Medienexperten aber eben auch von den Filmemachern selbst eine zunehmende Verflachung des Programms beobachtet. Statt mit ausdrucksstarken und vielfältigen Fernsehspielen aufzuwarten, werden wertvolle Sendeplätze des Hauptprogramms mit sogenannte „Schmonzetten“ aus einem dramaturgischen Einheitsbrei gefüllt, eine Tendenz welche unter uns Autoren und Regisseuren auch als „Degetoisierung“ des Fernsehprogramms bezeichnet wird.

Nicht nur, daß damit die Ansprüche an die Zuschauer einerseits und leider auch an die Macher der Filme andererseits immer weiter sinken, sondern auch daß der Kultur- und Bildungsauftrag des öffentlichen-rechtlichen Rundfunks hierbei immer weiter ins Hintertreffen gerät, bereitet uns große Sorge.

Nicht zuletzt im Hinblick auf die wettbewerbsrechtliche Diskussion in Brüssel beschäftigt uns die Tendenz, daß sich die öffentlich-rechtlichen Sender bei der Programmgestaltung immer mehr auf das Niveau der privaten Sender begeben und sich als wichtige und von uns sehr geschätzte Kulturträger selbst das Wasser abgraben. Dabei bräuchten die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten die Zukunft nicht zu scheuen, wenn sie den Weg zu sich selbst zurückfinden, so wie die britische BBC es gerade mit ihrem Restrukturierungsprozeß vormacht.

Nach Ansicht des BVR sollte es bei dem Grundsatz bleiben, daß die einen das machen, was ankommt und die anderen worauf es ankommt.

Hinzu kommt, daß die Degeto inzwischen auch hinsichtlich des Umgangs mit den Filmemachern nicht mehr den besten Ruf genießt.

Zum einen unterlaufen die ARD-Anstalten über die Degeto die hauseigenen Tarifvertäge, indem sie, ähnlich den privaten Sendern, lediglich sogenannte „Buy-Out“-Gagen bezahlen. Ein solcher, auch mit dem neuen Urhebervertragsgesetz nicht in Einklang zu bringender Ausverkauf aller Rechte bringt die Filmemacher um ihren verdienten Lohn und stellt die Sender als Anstalten des öffentlichen Rechts in schlechtes Licht, wenn sie sich gegen das geltende Gesetz und die eigenen Tarifverträge stellen. Es macht zugleich deutlich, daß sich die öffentlich-rechtlichen Anstalten nicht nur bei der Film- und Fernsehkultur sich dem Privatfernsehen annähern, sondern auch hinsichtlich der Unternehmens- und Rechtskultur auf dieselbe Stufe begeben.

In diesem Zusammenhang ist jüngst leider auch zu beobachten, daß die für Kulturschaffende in Zeiten von Hartz immer wichtiger werdende betriebliche Altersversorgung der Sender in Form der „Pensionskasse der Rundfunkanstalten für freie Mitarbeiter“ in Gefahr ist, da ARD-Sender sich auf dem Umweg über die Degeto dieser sozialen Verpflichtung und Verantwortung zu entziehen suchen. Es hat den Anschein, als sei den öffentlichen Rundfunkanstalten daran gelegen, ihre eigene Kultur und Identität aufgeben.

Auch zeigt die Degeto-Politik, daß auf der einen Seite in unverantwortlicher Weise an der Qualität der Film- und Fernsehkultur eingespart wird, z.B. durch die ständige Kürzung von Drehtagen, die zu immer schwierigeren Kreativbedingungen der Regisseure und zu nahezu unmenschlichen Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter mit 16-Stunden-Tagen führt. Andererseits scheint es keinen großen Geldmangel zu geben, wenn die Degeto Film GmbH z.B. die nicht zu ihren Aufgaben gehörende Finanzierung des Entertainers Harald Schmidt oder von Sportereignissen betreibt. Hier wird die Degeto und die ihr für Filmkultur zufließenden Mittel zweckentfremdet.

Statt dessen sollte die sich ARD/Degeto, wie z.B. die Fernsehanstalten in Frankreich, als Pate der Film- und Fernsehkultur, aber auch der Filmemacher verstehen. Zu begrüßen ist in dieser Hinsicht das Engagement einzelner ARD-Sender bei Kino-Koproduktionen. So gewinnt z.B. der Bayerische Rundfunk mit seiner engagierten und couragierten Unterstützung des Deutschen Films sowohl in der Filmbranche als auch beim Publikum Anerkennung und Profil.

Daher sollte sich die Degeto insbesondere auf ihre originäre Aufgabe der Lizenzankäufe zurückbesinnen. Wenn sich die Rundfunkanstalten die Sendeplätze zurückholen und in eigener Regie ein durch Tiefe und Vielfalt überzeugendes Programm gestalten, welche das Potential und die Vielfältigkeit der Film- und Fernsehmacher in Deutschland nutzt, wäre das ein wichtiges Signal für eine anspruchsvolle und diversifizierte Fernsehpolitik.“

Rafaela Wilde ist Partnerin der Kanzlei WILDE BEUGER SOLMECKE und beratende Justiziarin des Film- und Medienverbands NRW e. V. Sie vertritt bereits seit Jahren erfolgreich die Interessen von Film- und Fernsehproduzenten gegenüber der Landesregierung NRW, den Fernsehsendern und anderen Wirtschaftspartnern.

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