Rechtsfall des Tages

Rechtsfall des Tages: Weintraube genascht

Darf ich Lebensmittel im Supermarkt probieren eh ich sie kaufe? Mit welchen Konsequenzen habe ich dann zu rechnen?

 

Der Verzehr der zum Verkauf angebotenen Lebensmittel in einem Supermarkt ist in aller Regel nicht gestattet. Das leuchtet ein. Denn der Supermarktinhaber möchte seine Ware ja verkaufen. Etwas anderes gilt nur, wenn ganz bewusst Kostproben angeboten werden, etwa an einem hierfür eingerichteten Stand.

 

Mach ich mich strafbar durch den unerlaubten Verzehr?

Im Prinzip: ja. Der Verzehr stellt nämlich einen Diebstahl dar. Zwar spricht eigentlich hiergegen, dass ich die Weintraube nie wirklich an mich genommen habe, sondern diese ja augenblicklich zerstört wurde, indem ich sie zerkaue. Zumindest gehen die Gerichte aber davon aus, dass ich die Weintraube für eine „juristische Sekunde“ in Gewahrsam hatte.

 

Zu denken wäre auch an eine Sachbeschädigung. Diese liegt jedenfalls vor, wenn ich zum Beispiel Flaschen öffne, um daraus zu trinken. Dann habe ich die Flasche beschädigt, da ihre Brauchbarkeit, der Weiterverkauf, aufgehoben ist.

Allerdings liegt keine Sachbeschädigung an dem Getränk respektive der Weintraube selbst vor. Zwar ist die Weintraube durch den vollständigen Verzehr zerstört und der Apfel, in den ich beiße, beschädigt. Der Konsum der Lebensmittel stellt aber einen bestimmungsgemäßen Verbrauch der Lebensmittel dar. Diese sind ja eben dazu da, verzehrt zu werden. Der bestimmungsgemäße Verbrauch schließt die Annahme einer Sachbeschädigung aus.

 

Zu beachten ist aber, dass eine Strafverfolgung nicht automatisch erfolgt. Die gestohlenen Lebensmittel liegen für gewöhnlich unterhalb der Bagatellgrenze (ca.25 €). In diesem Fall müsste der Supermarktinhaber schon Strafantrag stellen, damit was passiert. Im Übrigen kann wohl davon ausgegangen werden, dass das daraufhin gegen mich eingeleitete Verfahren eingestellt wird aufgrund der Geringwertigkeit der verzehrten Ware. Ein ernsthaftes Strafverfolgungsinteresse dürfte nicht – kann aber – bestehen.

 

Wiederum anders ist die Situation zu bewerten, wenn ich schon auf dem Weg zur Kasse Weintrauben aus der Packung nasche, die ich aber eh später bezahlen möchte. Auch hier laufe ich Gefahr, einen Diebstahl zu begehen. Allerdings könnte man im Einzelfall von einem Einverständnis des Supermarktinhabers ausgehen, dass Waren geöffnet oder probiert werden, die man später ohnehin kaufen will. Dann mache ich mich auch nicht strafbar.

Jedenfalls wird der Supermarktinhaber in diesem Fall kein Interesse haben, den erforderlichen Strafantrag zu stellen.

 

Muss ich die verzehrte Ware bezahlen?

Ja. Losgelöst von der strafrechtrechtlichen Beurteilung mache ich mich schadensersatzpflichtig. Der Supermarktinhaber darf also von mir verlangen, dass ich die Weintraube, ggfs. auch die ganze Packung, bezahle.

 

Womit muss ich noch rechen?

Natürlich kann der Supermarktinhaber von seinem Hausrecht gebrauch machen und mir Hausverbot erteilen. Dies kommt aber wohl nur in Betracht bei wiederholtem Weintraubenkonsum.

Christian Solmecke ist Partner der Kanzlei WILDE BEUGER SOLMECKE und inbesondere in den Bereichen des IT-, des Medien- und des Internetrechts tätig. Darüber hinaus ist er Autor zahlreicher juristischer Fachveröffentlichungen in diesen Bereichen.

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RSSKommentare (6)

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  1. Lars Winter sagt:

    In Türkei kann man Lebensmittel probieren, bevor man kaufen will. Hier in Deutschland leider nicht und wir sind zum „Kauf“ gezwungen ohne zu wissen, wie es schmeckt. Armes Deutschland. Die müssen das mal ändern, damit uns auch mehr Freiheit entsteht, eine Ware zu probieren, die man nicht kennt ohne einfach „KAUFEN“ zu müssen.

  2. Heiner sagt:

    Nun bei als „zuckersüß“ angepriesenen Weitrauben und auch Kirschen empfiehlt sich das mit einer kleinen Warenprobe auf seinen Warheitsgehalt hin zu prüfen. 😉

  3. Patrick sagt:

    Nochmal zum Verständnis: Darf ich Waren benutzen bzw. Lebensmittel teilweise oder vollständig verzehren, wenn ich noch auf dem Weg zur Kasse bin? Beispiel: Ich möchte einkaufen, habe aber großen Durst. Ich hole mir ein Getränk aus dem Regal und öffne es, um es zu trinken. Werde es aber auf jeden Fall bezahlen (wir gehen natürlich von einem ehrlichen Kunden aus).
    Begehe ich also einen Diebstahl trotz der Zahlungsabsicht oder erst beim Verlassen des Ladengeschäfts ohne bezhalt zu haben (hier nun der unehrliche Kunde)?

  4. Peter Dierich sagt:

    Deutschland, Deine Rechtsverdreher 🙁

  5. Werner v. Brehm sagt:

    Vielen Dank f.d. Artikel.
    Als Langzeiterfahrener und durchaus geübter Supermarktlebensmittelnascher, der Weintrauben und ähnliches Kleinobst gerne durch den lautsprecherunterstützten musikalischen Weg durch die Regale oder Abteilungen probiert, weiß ich doch jetzt endlich, wie mein Vorgehen sein sollte, werde ich eines Tages duch einen überambitionierten Filialleiter (Ich glaube, hier ist ein l zu wenig) noch weit vor der Kasse angehalten und zum ausspucken meiner halbzerkauten und ebenso halbverzehrten Weintraube genötigt.

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