Rechtsfall des Tages

Keine rechtliche Grundlage für Korrekturpraxis bei Abiturprüfungen

Der Endkorrektor einer Abiturarbeit darf sich nur bei rechtswidriger Bewertung des Erst- und Zweitkorrektors über deren Bewertung hinwegsetzen, nicht jedoch bei der bloßen Annahme, die Korrektur der beiden Vorprüfer sei „nicht angemessen“, so das VG Freiburg in seinem Urteil vom 29.01.2014 (AZ. 2 K 1145/13). Für eine von der Vorkorrektur unabhängigen eigenen Neubewertung des Endkorrektors, sollte dieser die Bewertungen der Vorprüfer als „nicht angemessen“ ansehen, fehlt es demnach an einer gesetzlichen Grundlage.

Schüler könnne sich gegen ungerechte Benotung beim Abitur eventuell wehren © ferkelraggae-Fotolia

Schüler könnne sich gegen ungerechte Benotung beim Abitur eventuell wehren © ferkelraggae-Fotolia

Vorkorrekturen ergaben acht bzw. neun Punkte, die Endkorrektur dagegen vier Punkte

Geklagt hatte ein ehemaliger Schüler einer Waldorfschule gegen die Benotung seiner Deutscharbeit im Rahmen der Abiturprüfung. Während die Fachlehrerin die Arbeit mit neun und die Zweitkorrektorin mit acht Punkten bewertet hatten, ergab die Einschätzung des Endkorrektors schließlich vier Punkte. Dieser war vom Regierungspräsidium Freiburg als obere Schulaufsichtsbehörde mit der Endbeurteilung der Arbeiten des gesamten Deutschkurses des Klägers beauftragt worden.

Bei Abweichung der Bewertungen um einen Punkt, gelte grundsätzlich die höhere Punktzahl

Nach Ansicht des VG Freiburg habe der Kläger einen Anspruch auf eine Benotung der Deutscharbeit mit neun Punkten. Zu einer selbständigen Bewertung sei der Endkorrektor nicht ermächtigt gewesen. Dies ergebe sich aus der Abiturverordnung Gymnasien der Normalform (NGVO), wonach jede schriftliche Arbeit in der Abiturprüfung von der Fachlehrkraft des Schülers und von einer Fachlehrkraft eines anderen von der Schulaufsichtsbehörde bestimmten Gymnasiums korrigiert und bewertet wird.

Von der Vorkorrektur unabhängige selbständige Bewertung nur bei deren Rechtswidrigkeit

Anders sei dies nur in den Fällen, in denen eine der beiden Vorkorrekturen einen rechtlich erheblichen Fehler aufweist. Zudem müsse ein solcher Korrekturfehler für die Bewertung im Ergebnis entscheidungserheblich gewesen sein. Dann, aber auch nur dann, bestehe für den Endkorrektor die Möglichkeit der Überprüfung und eigenständigen Notenfestsetzung. Nicht ausreichend ist die subjektive Einschätzung der Vorkorrekturen als „nicht angemessen“ bei einigen Stichproben, da dies zu zufälligen Ergebnissen führe, so das VG Freiburg.

Anweisung des Regierungspräsidiums ersetzt die NGVO nicht

Die Arbeitsanweisung des Regierungspräsidiums Freiburg für die Endbeurteilung durch den Endkorrektor habe lediglich den Charakter einer verwaltungsinternen Vorschrift und könne die NGVO weder abändern noch ersetzen. Somit fehlte der Endbewertung mit vier Punkten die gesetzliche Grundlage, da den beiden Erstkorrektoren keine rechtlich relevanten Bewertungsfehler unterlaufen sind.

Fazit

Eine Entscheidung, die nicht nur den klagenden Schüler erfreut haben dürfte, sondern darüber hinaus auch vollkommen nachvollziehbar ist. Die NGVO hat u.a. den Zweck, möglichst einheitliche Leistungsbewertungen durch die Lehrfachkräfte zu gewährleisten. Dieser Zweck darf durch verwaltungsinterne Vorschriften nicht ausgehöhlt werden. Nur in Fällen der Rechtswidrigkeit der Erstkorrekturen darf eine solche Endkorrektur wie im vorliegenden Fall angeordnet werden. Ein solcher rechtlich relevanter Fehler liegt z.B. vor, wenn der Prüfer bei seiner Bewertung von falschen Tatsachen ausgegangen ist, wenn er ihr sachfremde Erwägungen zugrunde gelegt hat, wenn er objektiv festgelegte Bewertungsmaßstäbe (z.B. eine vorgegebene Punkteverteilung zu einzelnen Aufgaben) nicht beachtet hat oder aber wenn eine vertretbare Lösung als falsch bewertet worden ist. Solchen Kriterien gemein ist eine objektive Nachprüfbarkeit. Dies lag hier jedoch anders, da die rein subjektive Einschätzung des Endkorrektors zur (stark abweichenden) Endbenotung führte.

Christian Solmecke ist Partner der Kanzlei WILDE BEUGER SOLMECKE und inbesondere in den Bereichen des IT-, des Medien- und des Internetrechts tätig. Darüber hinaus ist er Autor zahlreicher juristischer Fachveröffentlichungen in diesen Bereichen.

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