Presserecht

Presserat: Germanwings-Co-Pilot durfte namentlich genannt werden

Es war die größte Beschwerdeflut seit der Gründung der Freiwilligen Selbstkontrolle der Presse: Zu keinem einzelnen Ereignis gab es so viele Beschwerden wie zur Berichterstattung des Germanwings-Flugs 4U9525. Jetzt hat der Deutsche Presserat ein Ergebnis gefällt.

Nach intensiven Beratungen kamen die Beschwerdeausschüsse des Presserates zu dem Ergebnis, dass der Co-Pilot des Germanwings-Flugs 4U9525 in den allermeisten Fällen benannt und abgebildet werden durfte. Insgesamt trafen 430 Beschwerden beim Presserat ein, die meisten beschäftigten sich mit der Frage, ob der Name des Co-Piloten genannt und sein Bild ohne Unkenntlichmachung gezeigt werden durfte.

© svort Fotolia

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Presserat berücksichtigt verschiedene Faktoren

Man habe bei der Entscheidung verschiedene Faktoren berücksichtigt:

Öffentliches Interesse

Nach Ansicht des Presserates handele es sich bei dem Unglück um eine außergewöhnlich schwere Tat, die in ihrer Art und Dimension einzigartig sei, was für ein überwiegendes öffentliches Interesse an dem Fall spreche, so die Pressemeldung des Deutschen Presserates weiter.

Jedoch könnte es auch Gründe geben, die dennoch eine Anonymisierung erfordern würden. So könnte z.B. durch die Nennung des Namens des Co-Piloten, seines Wohnortes und der Information, dass er auch im Elternhaus gelebt hat, die Identifizierung der Eltern ermöglicht werden. Aus Sicht des Presserats überwiegt jedoch in diesem außerordentlichen Fall das öffentliche Interesse an der Information über den Täter, soweit es die reine Nennung des Nachnamens betrifft.

Die Frage, ob es sich bei dem Ereignis um einen Suizid handele und daher besondere Zurückhaltung geboten gewesen wäre wies der Presserat im Hinblick auf die 149 weiteren Todesopfer zurück.

Mögliche Vorverurteilung

Was eine mögliche Vorverurteilung des Co-Piloten durch die Berichterstattung angehe hat der Presserat entschieden, dass die Medien ab dem Zeitpunkt der Pressekonferenz der Staatsanwaltschaft Marseille am Mittag des 26.3.2015 davon ausgehen durften, dass der Co-Pilot das Flugzeug absichtlich zum Absturz gebracht hatte. Zu diesem Zeitpunkt hatten entsprechende Erkenntnisse durch die Auswertungen des Sprachrekorders und weitere Ermittlungen der französischen Luftfahrtbehörde vorgelegen. Zusammen mit der Einzigartigkeit des Falls war in der Gesamtschau eine Nennung des Namens des Co-Piloten aus Sicht des Presserats zulässig, so die Meldung weiter.

Die Tatsache, dass internationale Medien bereits den vollen Namen des Co-Piloten veröffentlicht hatten, sei nicht von Bedeutung gewesen, da man sich am Pressekodex des Deutschen Presserats orientiere.

Opferschutz hoch zu bewerten

Allerdings sei die Schutzwürdigkeit der Opfer und ihrer Angehörigen hoch zu bewerten. In diesem Punkt hat sich die Bild Zeitung sowie Bild.de eine Rüge eingehandelt. Der Beschwerdeausschuss 2 sprach eine Rüge aus, weil mehrfach Bilder und Namen von Opfern veröffentlicht worden waren. So waren Fotos von Urlaubern gezeigt worden, die zwar an einem Ort in einer Kleinstadt öffentlich ausgehängt worden waren, was jedoch nicht für die Medienöffentlichkeit bestimmt war und die Veröffentlichung ohne Zustimmung der Abgebildeten oder Angehörigen erfolgte, so die Meldung weiter.

Unzulässig sei auch der Nachdruck einer Todesanzeige mit den Namen der Todesopfer aus dieser Klasse, insbesondere in Kombination mit dem gleichen Klassenfoto gewesen, so die Meldung weiter. Insgesamt sah der Ausschuss in diesen Veröffentlichungen einen schweren Verstoß gegen Richtlinie 8.2 des Pressekodex.

Missbilligungen gegen Bild.de

Eine Missbilligungen wurde gegen Bild Online ausgesprochen da in zwei Artikeln zu viele Details über die Eltern des Co-Piloten genannt worden waren. Zwar sei es durch die Nennung des Nachnamens des Co-Piloten nicht vermeidbar, dass die Eltern identifizierbar werden, jedoch habe Bild.de auch die Berufe der Eltern erwähnt. Damit sei die Grenze des Persönlichkeitsschutzes überschritten worden, so die Meldung weiter.

Ebenfalls eine Missbilligung brachte Bild.de die Veröffentlichung von Fotos der Angehörigen von Absturzopfern, die an den Flughäfen in Düsseldorf und Barcelona aufgenommen worden waren. Von einer Rüge wurde abgesehen, weil die Fotos nach sehr kurzer Zeit wieder von der Seite gelöscht worden waren.

Allerdings müsse die ethische Abwägung durch die Redaktion erfolgen, bevor durch die Veröffentlichung ein Verstoß gegen die ethischen Grundsätze begangen wird, so die Ansicht des Beschwerdeausschusses.

Kein Verstoß bei „Post für Wagner“

Keinen Verstoß gegen den Pressekodex sah der Beschwerdeausschuss 2 in der BILD-Kolumne „Post von Wagner: Liebe Absturzopfer“, gegen die 31 Beschwerden vorlagen. Darin sei keine Verletzung des Pressekodex enthalten. Zu Entscheidungen über guten oder schlechten Geschmack sei der Presserat jedoch nicht berufen, so die Meldung weiter.

Insgesamt sprach der Deutsche Presserat im Zusammenhang mit dem Germanwings-Unglück 2 öffentliche Rügen, 6 Missbilligungen und 9 Hinweise aus. (COH)

Rafaela Wilde ist Partnerin der Kanzlei WILDE BEUGER SOLMECKE und beratende Justiziarin des Film- und Medienverbands NRW e. V. Sie vertritt bereits seit Jahren erfolgreich die Interessen von Film- und Fernsehproduzenten gegenüber der Landesregierung NRW, den Fernsehsendern und anderen Wirtschaftspartnern.

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