Persönlichkeitsrecht

Künstler fotografiert ahnungslose Menschen durch ihre Webcam – Ist das Kunst oder illegal?

Selfies sind beliebt, so beliebt, dass sich zurzeit in Düsseldorf eine ganze Ausstellung mit dem Thema befasst. Bei der „Ego Update“ im NRW-Forum, würdigt der Künstler Kurt Caviezels die Liebe zur Selbstdarstellung auf ganz besondere Weise: Er hat zahlreiche Porträts von Menschen ausgedruckt, die er im Web über deren Webcam fotografiert hat.

Der Künstler betont, dass er nur Fotos von Menschen erstellt hat, die ihre Webcam auf „öffentlich“ eingestellt haben. Bei der Ansicht der Fotos wird allerdings deutlich, dass viele Betroffene möglicherweise auch einfach nur vergessen hatten ihre Webcam auszuschalten. Die Porträts gewähren intime Einblicke in das Leben fremder Menschen. Gefragt wurden die Abgebildeten nicht. Sie wissen nicht, dass sie Teil einer Ausstellung sind. Das bestätigt auch der Künstler in einem Interview: „Es gibt Leute, die sie 24 Stunden an haben. Am schönsten ist, wenn die Kamera ein bis zwei Jahre online ist. Dann verhalten sie sich nicht mehr so, als stünden sie vor einer Kamera. Für mich als Fotograf wäre es sonst unmöglich, diese Fotos zu machen.“

Abwägung zwischen der Kunstfreiheit und dem Persönlichkeitsrecht

Im Rahmen der Kunstfreiheit ist viel erlaubt, doch die Persönlichkeitsrechte dürfen nicht gänzlich unbeachtet bleiben. Es kommt hier auf eine Abwägung zwischen den Interessen beider Seiten im Einzelfall an.

Grundsätzlich dürfen Bilder von Personen nach § 22 KUG nur mit Einwilligung der Abgebildeten verbreitet oder öffentlich zur Schau gestellt werden. Eine Ausnahme besteht dann, wenn die Verbreitung oder Schaustellung einem höheren Interesse der Kunst dient (Vgl. §23 KUG). Allerdings setzt die Norm auch Grenzen: Der Ausnahmetatbestand gilt nicht, wenn durch die Veröffentlichung berechtigte Interessen des Abgebildeten verletzt werden. Die Rechtsprechung geht davon aus, dass dies insbesondere bei Bildern, die in die Privat-, oder Intimsphäre eingreifen, der Fall ist.

Privat- und Intimsphäre betroffen

Der Künstler hat Bilder von Menschen gemacht, die nicht wussten, dass sie fotografiert werden. Manche werden die Kamera jedoch bewusst angelassen haben. Hier könnte man durchaus argumentieren, dass sie durch das öffentliche Zeigen ihrer Wohnräume im Netz bereits ihre Privat- und Intimsphäre freiwillig aufgegeben haben. Die Qualität einer dauerhaften Fotoaufnahme ist jedoch eine andere, als die des reinen Streamings. Der private Moment wird hier besonders hervorgehoben und abgespeichert. Er wird in der Öffentlichkeit in besonderer Weise hervorgehoben und zur Beurteilung freigegeben. Es entsteht eine „soziale Prangerwirkung“. Das Einverständnis zu einer derartigen Zurschaustellung intimster Momente kann nicht einfach vorausgesetzt werden. Insbesondere nicht bei denjenigen Menschen, die ahnungslos waren und einfach nur vergessen hatten, ihre Kamera auszuschalten. Nach Abwägung der beiderseitigen Interessen wird man hier zu dem Schluss kommen müssen, dass es sich bei den Porträtfotos um Aufnahmen handelt, die für ihre Veröffentlichung einer Einwilligung bedurft hätten. Der Künstler kann sich hier nicht auf die Kunstfreiheit berufen. Sollten sich Betroffene melden und beschweren, könnten auf den Künstler zivilrechtliche Ansprüche zukommen, eventuell auch verbunden mit einer Geldentschädigung.

Unter Umständen ist eine strafrechtliche Verfolgung denkbar

Denkbar wäre grundsätzlich auch eine Strafbarkeit gem. §201a StGB. Die Norm stellt die unbefugte Bildaufnahme von einer anderen Person, die sich in einer Wohnung oder einem anderen gegen Einblick besonders geschützten Raum befindet, unter Strafe. Allerdings muss hier eine Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch die Bildaufnahme erfolgen, um eine Strafbarkeit nach dieser Norm zu bejahen. Eine Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereiches liegt erst dann vor, wenn in die Intimsphäre der betroffenen Person eingedrungen wird. Das Eindringen in die Privatsphäre genügt nicht. Zur Intimsphäre zählen der Gesundheitszustand, Einzelheiten über das Sexualleben, sowie Nacktaufnahmen. Das heißt, dass eine Strafbarkeit hier nur in den Fällen in Betracht kommt in denen die Bilder Momente zeigen, die zur Intimsphäre gehören. Das reine Sitzen auf der Couch zum Beispiel gehört nicht dazu. Genau wie oben, kann hier nicht argumentiert werden, dass die Menschen hier in die Übertragung ihres Privatlebens im Netz zugestimmt haben. Die Einwilligung bezieht sich hier nicht auf die Herstellung von Bildaufnahmen, da diese eine andere „Eingriffsqualität“ besitzen.

Bislang haben sich jedoch nach unserer Kenntnis keine Betroffenen gemeldet. (JEB)

Beim Fotografieren und Filmen müssen immer die Persönlichkeitsrechte der Abgebildeten beachtet werden. In seinem Video erklärt RA Christian Solmecke, ob beispielsweise das Filmen von Feuerwehrleuten bei ihrer Arbeit erlaubt ist:

Christian Solmecke ist Partner der Kanzlei WILDE BEUGER SOLMECKE und inbesondere in den Bereichen des IT-, des Medien- und des Internetrechts tätig. Darüber hinaus ist er Autor zahlreicher juristischer Fachveröffentlichungen in diesen Bereichen.

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RSSKommentare (1)

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  1. Marcel Czech sagt:

    Interessant wäre gewesen welche Strafen drohen falls man die Umstände missachtet und dies illegal tut ?

    Viele Grüße

    Marcel

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