Medienrecht

Fernsehen 2015: „Total Buyout“ und crossmediale Konzepte?

Im Rahmen des 23. Medienforum.NRW stellte Lutz Goertz, Abteilungsleiter für Bildungsforschung beim MMB – Institut für Medien- und Kompetenzforschung, eine Studie zum Thema „Fernsehen 2015“ vor. Der Fokus lag dabei auf der Entwicklung der Rechteverwertung und neuen Programmstrategien.

Veränderte Rechteverwertung

Der „Total Buyout“ ist heutzutage für viele Content-Entwickler bereits Job-Alltag. Dabei werden mit dem Honorar alle mit dem Bewegtbild verbundenen Rechte vom Stoffentwickler an die Sender abgegolten. Vor allem bei den Privatsendern ist das gängige Praxis. Auch künftig, so die Meinung der rund 100 befragten Autoren, Produzenten, Programmverantwortlichen und Content-Beratern für Serien und TV-Events, werde der „Total Buyout“ das dominierende Modell bleiben. Viele Kreative halten diese Art der Rechteverwertung im Lauf der nächsten Jahre auch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern für möglich. Sollte dies eintreten, könnten Autoren, die sich momentan noch vereinzelt Wiederholungs-, DVD- oder Buchrechte bei öffentlich-rechtlichen Vertragspartnern sichern können, künftig leer ausgehen.

Kritik an den Sendern kommt auch von der Produzentenseite, die monieren, dass die Möglichkeiten der gesicherten Rechte in Bezug auf internationale Verwertung oder Online-Auswertung oftmals ungenutzt bleiben.

Der wirtschaftliche Druck, dem sich die Sender ausgesetzt sehen, ist für die meisten Befragten der Studie des MMB eine der Ursachen für diese Entwicklung. Das grundlegende Problem jedoch sei die mangelnde Absicherung der Content-Entwickler in Deutschland, die hierzulande weder eine Lobby (wie in den USA) haben, noch einen Schutz durch gesetzliche Regelungen (wie es in Großbritannien der Fall ist) erfahren.

Zudem müssen Risiken der Stoffentwicklung vermehrt von Autoren und Produzenten getragen werden. „Die Stoffentwickler müssen ein komplett entwickeltes Paket mitbringen, von der Idee – hier geht der Autor ins Risiko – über die Ausarbeitung bis hin zum Protagonisten. Zum Teil will der Sender sogar einen Teaser sehen“, heißt es in der Studie. Zwar müsse aufgrund dieser Entwicklung künftig eine Neuverhandlung der Rechte zwischen Sender und Kreativen stattfinden, doch sollten die Sender Rechte abgeben, wäre dies oft nur der Versuch, eigene Risiken zu mindern. Einen daraus resultierenden Vorteil für die Kreativen sieht kaum einer der Befragten. „Wenn Autoren und Produzenten wieder mehr Rechte bekommen sollen, dann werden sie deutlich weniger Geld erhalten“, lautet die mehrheitliche Meinung der Studie.

 

Crossmediale Inhalte

Ein weiterer Aspekt der Studie ist die künftige Konzeption von TV-Formaten. Die zunehmende Digitalisierung hat nicht nur einen nachhaltigen Einfluss auf das Rezeptionsverhalten, sondern wirkt sich zudem auf die Mediennutzung der Konsumenten aus. Dieser mediale Umbruch stellt auch die Fernsehproduktion vor neue Herausforderungen. So muss sie sich, aufgrund der veränderten Dynamik, der Umverteilung des Publikums und der Ausdifferenzierung der Distributionswege, künftig inhaltlich und strukturell neu positionieren, so das MMB.

Richtungweisend scheinen dabei transmediale 360-Grad-Konzepte zu werden. Diese Produktionen sehen eine crossmediale Nutzung sämtlicher Vertriebskanäle wie Fernsehen, Internet, soziale Netzwerke, DVD, PC-Spiele, Hörbücher, Zeitschriften sowie Merchandising-Projekte vor. Damit sei eine Möglichkeit der Refinanzierung deutlich höher.

Die Studie des MMB hat künftige Programmstrategien unter die Lupe genommen. „Mit einer Fernsehsendung können nicht alle Verwertungsmöglichkeiten abgedeckt werden“, so Lutz Goertz. Momentan werden „starke TV-Marken kaskadenartig je nach Bedarf, ins Internet oder in andere Medien erweitert“ belegt die Studie. Produktionen wie Disneys „Hannah Montana“ oder die RTL-Sendung „Deutschland sucht den Superstar“ sind dafür prominente Beispiele.

Das 360-Grad-Konzept sieht hingegen vor, von Anfang an Strategien für eine crossmediale Platzierung zu entwickeln. Die 2010 vom SWR in Auftrag gegebene medienübergreifende Serie „Alpha 0.7“ gilt hier als erstes genuines 360-Grad-Projekt dieser Form in Deutschland. Die Produktion musste dabei, gemäß des Rundfunkstaatsvertrages, ohne Produktplatzierungen und Werbepartner realisiert werden.

Insgesamt glauben nur 28% der Studienteilnehmer, dass das Internet das Fernsehen verdrängen wird. Mehrheitlich wird für die nächsten Jahre das Konzept „Reduce to the Max“ prognostiziert, bei dem das Fernsehen einerseits den hohen emotionalen Faktor (Live-Events, Filme, Dokumentationen) stärker ausbauen und vermehrt auf den Erlebnischarakter durch HD, Stereo3D und Dolby Surround setzen wird.

Rafaela Wilde ist Partnerin der Kanzlei WILDE BEUGER SOLMECKE und beratende Justiziarin des Film- und Medienverbands NRW e. V. Sie vertritt bereits seit Jahren erfolgreich die Interessen von Film- und Fernsehproduzenten gegenüber der Landesregierung NRW, den Fernsehsendern und anderen Wirtschaftspartnern.

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