Medienrecht

ARD: Weniger Informationsanteil?

Das ARD-Magazin „Panorama“ beschäftigte sich vor kurzem in der Sondersendung „Lügenfernsehen“ mit den Programmen der Privatsender. Vor allem die „Scripted Reality“-Formate standen dabei im Mittelpunkt. „Panorama“ sprach dabei mit Menschen, die in solchen Formaten aufgetreten sind und untersuchte, welche Auswirkungen die falschen Realitäten auf die Darstellung von Personen haben.

Information und Unterhaltung

Vor allem die klare Kategorisierung in Information oder Unterhaltung sei bei diesen Formaten oftmals schwierig. Nach dem Gesetz sind nicht nur die öffentlich-rechtlichen Sender, sondern auch die privaten Sender dazu angehalten, Sendungen der Kategorie Information auszustrahlen.

Bei den Privaten sind Informationssendungen meist „Infotainment“, doch die „Scripted Reality“-Formate sind „Schauspiel“ und somit eigentlich der Unterhaltung zuzuordnen. Nur ist es bei diesen Formaten für den Zuschauer nicht immer ersichtlich, dass ihnen ein Drehbuch zugrunde liegt . Das Göttinger Institut für angewandte Kommunikationsforschung (Göfak), das den Informationsanteil der Privatsender misst, steht oft vor einem Dilemma. Seit Hans-Jürgen Weiß, wissenschaftlicher Leiter der Göfak, die „Scripted Reality“ nicht mehr als Publizistik, sondern konsequent als Unterhaltung einordnet, sank z. B. der gemessene Informationsgehalt der RTL-Tochter Vox von 27% auf 15%. Formate wie „Mitten im Leben“ (RTL), die nicht eindeutig als „Scripted Reality“ gekennzeichnet sind, werden weiterhin als Information gezählt. Das Verwischen der Grenzen zwischen Fiktion und Realität ist für Weiß eine „Täuschung“ der Zuschauer, so die Pressemitteilung zur Sondersendung von „Panorama“. Insgesamt übte die Sendung Kritik an der mangelnden Kennzeichnung der „Scripted Reality“-Formate, wodurch die Göfak diese nicht der Unterhaltung zuordnen könne und die Sendungen somit die Statistiken der Privatsender als Information „aufhübschen“ würden, so die Meldung. Die ARD produziert Formate in dieser Form nicht.

Reaktionen der Sender

RTL reagierte prompt auf die Sendung und wies den Vorwurf der Täuschung zurück. „Wir (…) weisen unsere Nachrichten als Information aus, unser Nachmittagsprogramm als Unterhaltung. Ein Blick in die Programmlisten der AGF hätte genügt.“

Der NDR erwiderte in einer Pressemitteilung: „Offenbar hat die Ankündigung des ‚Panorama‘-Spezials einen Nerv getroffen. Allerdings hätte sich der RTL-Kollege die Mühe machen sollen, unsere Pressemeldung genau zu lesen. Der Absatz, auf den sich der Kollege Körner bezieht, hat die Programmanalysen von Prof. Hans-Jürgen Weiß und seines Institutes (‚Göfak‘) für die Landesmedienanstalten zum Thema – ihnen und nicht der AGF obliegt die Aufsicht über die Privatsender. Prof. Weiß betrachtet alle Sendungen durch die Brille des Zuschauers, der auch nicht anhand von AGF-Tabellen entscheiden kann, ob etwas Unterhaltung oder Information ist.“

AGF und Göfak

Die Arbeitsgemeinschaft Fernsehen (AGF) ist ein Zusammenschluss von ARD, ProSiebenSat1, RTL, ZDF und des Pay-Kanals Sky. Die Sender codieren ihre Programme als Unterhaltung oder Information und geben diese Informationen an die AGF für deren Statistiken weiter. Die Göfak wiederum erstellt ihre Codierungen selbst und gibt sie an die Landesmedienanstalten weiter. Auch weitere Institute erstellen Programmanalysen.

Die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet nun, dass ein Blick in die Statistiken der AGF zeigt, dass auch ARD und ZDF den Begriff Information bei eigenen Produktionen großzügig auslegen. Die Listen der AGF sind öffentlich nicht zugängig, doch „Gerhard Graf, Geschäftsführer des privaten Instituts GGmedia, hielt vor der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten im März einen Vortrag, bei dem er Beispiele der Codierung nannte“, so der Artikel weiter. Demnach fallen Sendungen wie „Tim Mälzer kocht!“ (ARD) oder Die „Küchenschlacht“ (ZDF) nach Eigeneinschätzung der Sender in den Bereich Information.

Die ARD sagte gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“, in der Show von Tim Mälzer stehe „die Information über die Zubereitung von Speisen im Vordergrund“ – das sei weder Show noch Fiktion. Und weiter: „Nur Informationssendungen werden auch als solche codiert.“

Während die Zahlen der AGF bei der ARD einen Informationsanteil zwischen 40% und 50% aufzeigen, kommen die Zahlen der Göfak, nach Abzug der Mischkategorie „Information und Unterhaltung“, wozu auch Kochsendungen gehören, zu einem anderen Ergebnis: Nur 37% sei bei der ARD reine Information, so der Bericht der Süddeutschen Zeitung.

Das ZDF hingegen weist den eigenen Informationsanteil nicht mit den AGF-Werten aus, die hier lediglich als Grundlage für weiterführende Programmanalysen dienen. Die „Küchenschlacht“ sei in den Statistiken des ZDF als „informierende Unterhaltung“ codiert, falle somit in den Bereich der Unterhaltung. Somit würden sich keine „Verschönerungen“ der Statistiken ergeben. Zudem werde über eine Umcodierung der Küchenschlacht in der AGF-Statistik derzeit beim ZDF diskutiert, so die Süddeutsche Zeitung weiter.

Studie zum Informationsanteil

Eine nun veröffentlichte Studie der Otto-Brenner-Wissenschaftsstiftung der IG Metall und netzwerk recherche kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Darin werden auch die unklaren Grenzen zwischen TV-Unterhaltung und Information kritisiert. Außerdem müsse die sich die intransparente und von der Öffentlichkeit kaum beachtete Arbeitsweise der AGF ändern. „Da aber mit den Zuordnungen der AGF auch Medienpolitik gemacht wird, etwa indem Sender sich mit ihren Informationsanteilen profilieren, wäre weniger Geheimhaltung und mehr Transparenz nötig,“ zitiert die Süddeutsche Zeitung die Studie.

Die Studie kritisiert auch die Informationssendungen von ARD und ZDF:

„Auch die Informationsprogramme der öffentlich-rechtlichen Sender verändern sich. So hat etwa 2010 die Berichterstattung über Katastrophen zugenommen, die über Wirtschafts- und Finanzthemen dagegen wieder abgenommen. Auch in öffentlich-rechtlichen Sendern gehört die Primetime zu den informationsarmen Programmstrecken und auch hier nehmen Infotainment und Boulevard zu. Das ist eigentlich ein unhaltbarer Zustand und widerspricht dem öffentlich-rechtlichen Auftrag, so ein zentrales Ergebnis der Studie. ARD, ZDF und die Dritten sind besonders verantwortlich dafür, ihre Zuschauer zur Hauptsendezeit nicht allein der Zerstreuung zu überlassen,“ heißt es in der Pressemitteilung zur Studie.

Reaktion zur Studie 

Volker Herres, Programmdirektor des ARD-Gemeinschaftsprogramms Das Erste, wies die Behauptungen in einer öffentlichen Erklärung vehement zurück. „Der Informationsanteil im Ersten ist mitnichten zurückgegangen, vielmehr blieb er in den letzten Jahren konstant. So lag der Informationsanteil 2010 bei 43 Prozent. Die Information macht damit nach wie vor den größten Programmanteil im Ersten aus,“ heißt es in der Erklärung. „Auch im Hauptabendprogramm hat Das Erste seinen Informationsanteil nicht gekürzt, vielmehr wird dieser ab Herbst im Ersten noch gesteigert: Zu den zwei wöchentlichen Sendeplätzen für politische Magazine und dem wöchentlichen Wirtschaftsmagazin „plusminus“ (ab Herbst mit fünf Minuten mehr Sendezeit), beschäftigt sich „hart aber fair“, ab 5. September 2011, immer um 21.00 Uhr – also zur Primetime – mit überwiegend politischen Themen. Und mit der neuen Sendung von Günther Jauch, ab 11. September 2011, wird Das Erste eine zusätzliche Talksendung zu aktuellen, auch politischen Themen im Programm haben,“ so Herres weiter.

Daraufhin hat die Otto Brenner Stiftung wiederum sofort reagiert und zu den Kommentaren von Herres Stellung bezogen. Als wichtigster Punkt wird dort angeführt:

„In der Studie wird an keiner Stelle behauptet, dass der Informationsanteil im Ersten abgenommen hat. Vielmehr zitiert der Autor Fritz Wolf Ergebnisse der Programmforschung (und belegt das auch durch Tabellen), dass in den letzten Jahren die Nachrichtenanteile im Programm recht stabil geblieben sind. Untersuchungsgegenstand der OBS-Studie ist vielmehr die Frage, ob auch überall Information drin ist, wo Information drauf steht. In diesem Zusammenhang zitiert er auch wieder öffentlich-rechtliche Programmforscher, die herausgefunden haben, dass ein wachsender Anteil an Information eigentlich Infotainment ist – vor allem bei den Privaten, aber eben nicht nur bei den Privaten.“

Es scheint, als hätte „Panorama“ mit dem Bericht auch die eigenen Reihen an einem wunden Punkt getroffen.

 

Die gesamte Studie zum Informationsanteil im deutschen Fernsehen lesen Sie hier

Rafaela Wilde ist Partnerin der Kanzlei WILDE BEUGER SOLMECKE und beratende Justiziarin des Film- und Medienverbands NRW e. V. Sie vertritt bereits seit Jahren erfolgreich die Interessen von Film- und Fernsehproduzenten gegenüber der Landesregierung NRW, den Fernsehsendern und anderen Wirtschaftspartnern.

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