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Anonymous vs. Schwurbler-Verein :

„Hannah Arendt Akademie“ gehackt

Eine Vereinigung, bestehend aus Querdenkern und Verschwörungstheoretikern aus Bayern, nennt sich die „Hannah Arendt Akademie der Denker“. Die Initiatoren des Vereins verbreiten nicht nur Falschinformationen, beispielsweise über den Klimawandel und Corona, sondern betiteln sich selbst als anerkannte Wissenschaftler, halten Vorlesungen und geben Seminare. Nun hat sich Anonymous der Sache angenommen und die Seite des Querdenker-Vereins gehackt.

Die „Banalität des Bösen“: Selbst wer Hannah Arendt nicht kennt und noch nie etwas von ihr gelesen hat, hat diese Worte von ihr sicherlich schon einmal gehört. Hannah Arendt ist eine der großen politischen Denkerinnen des 20. Jahrhunderts. Der Schriftsteller Amos Elon war gar der Auffassung, dass das 20. Jahrhundert ohne Hannah Arendt gar nicht zu verstehen sei. Arendt, 1906 in Hannover geboren, lebte seit 1941 als Exilantin in den USA. Sie äußerte sich über Totalitarismus, Antisemitismus, die Lage von Flüchtlingen, den Eichmann-Prozess, Zionismus, die „Rassentrennung“ in den USA, Studentenproteste und Feminismus. Nichts davon ist heute abgeschlossen, sondern zahlreiche ihr Themen sind leider weiterhin so aktuell wie nie zuvor. Querdenker und Schwurbler machten sich den Namen zu nutze und gründeten die „Hannah Arendt Akademie“. Gelehrt werden dürfte dort nahezu nichts, wofür Arendt zeitlebens stand. Eine perfide und anmaßende Instrumentalisierung ihres Namens.

Offiziell ist es auch gar keine Hochschule, sondern ein Verein. Juristisch betrachtet haben die Ini­tia­to­ren daher zunächst nichts falsch gemacht. Schließlich verzichten sie ausdrücklich darauf, sich als Hochschule akkreditieren zu lassen. Sie stellen zwar Bescheinigungen über Teilnahmen am Lehrbetrieb aus, allerdings sind dies keine staatlich anerkannten Zertifikate. Der Name „Akademie“ ist daher auch – anders als z.B. die Bezeichnungen „Universität“, „Hochschule“ oder „Fachhochschule“ – nicht geschützt. Ein Verein, der sich Akademie nennt, unterliegt insofern keiner Kontrolle durch das Wissenschaftsministerium.

Trotzdem sehen die „Dozenten“ der „Hannah Arendt Akademie der Denker“ ihre Einrichtung als eine Bildungsstätte an, die das Konzept der „Pluralität im politischen Raum“ vertritt. Diverse fragwürdige Wissenschaftler geben dort ab diesem Wintersemester Seminare und Vorlesungen – darunter die üblichen Verdächtigen aus Verschwörungsideologen, Impfgegnern, Klimawandelleugnern und Rechtsextremen. Vor allem haben sich dort all jene versammelt, die sich mit ex­tre­mem Misstrauen gegen alle Maßnahmen zur Eindämmung der Corona­pandemie wehren.

Die „Akademie“ fand sich in diesem Jahr zusammen und wurde von den Inhabern eines Schuhgeschäfts aus Starnberg sowie einem Journalisten aus Köln gegründet. Für ihren „Lehrbetrieb“ haben sie jede Menge fragwürdiger Persönlichkeiten ins Boot geholt, welche nun laut der Webseite des Instituts das „unabhängige Denken“ lehren.

Inhalte fernab von Hannah Arendt

Schaut man sich die Inhalte an, die die Initiatoren und Dozenten der „Akademie“ vertreten und lehren, muss man davon ausgehen, dass sie niemals Werke von Hannah Arendt gelesen haben. Das „Studium Generale“, welches angeboten wird, umfasst nämlich weitestgehend Pseudowissenschaften und Falschinformationen. So wird beispielsweise über Chemtrails, Giftimpfungen und nicht existente Viren gelehrt sowie proklamiert, das Land „befinde sich auf einem Weg in einen Unrechtsstaat“.

Wissenschaftler und Politiker sehen die „Akademie“ als höchst zweifelhaft an. Nicht nur, dass problematische Narrative so in die Gesellschaft getragen und normalisiert werden, insbesondere unsichere und ängstliche Leute werden schnell auf solch seriös auftretende Vereinigungen anspringen. Mit ihrer langen Liste von „Professoren“ und „Wissenschaftlern“ vermittelt die „Akademie“ nämlich durchaus den Eindruck, eine ernstzunehmende Bildungsstätte zu sein, verschleiert damit aber die radikalen Ansichten, die sie in Wahrheit vertritt.

Anonymous „gestaltet“ Webseite um

Auf die höchst fragwürdige Akademie ist auch die Hackergruppe Anonymous aufmerksam geworden und hat- ganz im Stile der vergangenen Anonymous-Aktionen- die Herrschaft über die Webseite erlangt und sodann den Internetauftritt „ein wenig“ umgestaltet. Nachdem die Hacker sich Zugriff auf die Seite verschafft haben, änderten sie einige Begriffe auf der Seite. Statt als „Dozenten“ sind so nun beispielsweise die Lehrenden unter dem Begriff „Hohepriester“ zu finden. Aus „Ringvorlesung“ wurde „Ringelpiez“ und aus „Lehrangebot“ „Leerangebot“. Als I-Tüpfelchen wurde Hannah Arendt, die die Startseite der „Akademie“ ziert, mit einer Anonymous-Maske versehen.

Auch sonst hat es der Hacker-Angriff in sich: Anonymous hat nicht nur die Webseite umgestaltet, sondern darüber hinaus Einsicht in viele Listen, Datensätze und E-Mails genommen und diese auf seiner Homepage veröffentlicht. Die „Akademie“ versuchte zunächst, Anonymous aus dem System zu schmeißen, zum Beispiel indem der DocRoot umbenannt wurde. Nachdem dies nicht gelang, wurde die Seite kurzzeitig komplett vom Netz genommen. Nun ist sie zwar wieder online, zeigt aber einen Zertifikatsfehler an. Anonymous zeigt sich belustigt und kündigt an, die Webseite weiterhin zu beobachten.

Damit dürfte Anonymous der „Akademie“ einen gehörigen Schrecken und einen ordentlichen Denkzettel verpasst haben. Ob diese aber nun davon absehen wird, höchst fragwürdige Inhalte zu „lehren“, ist zwar zu hoffen, wohl aber nicht zu erwarten. Fakt bleibt: Hannah Arendt würde sich im Grabe umdrehen, wenn sie mitbekommen könnte, wer hier ihren Namen missbraucht.

lpo