IT-Recht

Berliner Landgericht zu Technoviking: Der tanzende Internet-Wikinger

Das Internet-Phänomen „Technoviking“ macht wieder Schlagzeilen. Jetzt entschied das Landgericht Berlin. Der Techno-Tänzer, auch bekannt als „Technovikinger“, hat einen Anspruch auf Unterlassung der Verbreitung eines Videos, indem er mit entblößtem Oberkörper auf der Fuckparade zum Techno-Beat abtanzte. Schmerzensgeld in Höhe von 10.000 € kassiert der Tänzer jedoch nicht. Das LG wog zwischen dem Persönlichkeitsrecht und der Kunstfreiheit ab.

Auch Technoviking-Tänzer sind in ihrem Persönlichkeitsrecht geschützt © arahan-Fotolia

Auch Technoviking-Tänzer sind in ihrem Persönlichkeitsrecht geschützt © arahan-Fotolia

Im Jahr 2000 tanzte bei der Fuckparade in Berlin ein Teilnehmer zum Techno-Beat, mit nacktem Oberkörper, in Shorts und Springerstiefeln. Ein Videofilmer nahm die Szene auf und stellte diese mit der Fragestellung „Echt oder gestellt?“ auf seiner Internetseite online. 2006 wurde dieses Video auch bei Youtube hochgeladen. Dem Techno-Tänzer wird von Nutzern der Name „Technoviking“ verpasst.

Innerhalb von zwei Jahren verbreitet sich dieser Clip per Youtube rasend schnell.

Der „Technoviking“ wird vermarktet

Im Herbst 2008 schaltet der Videokünstler Matthias Fritsch Werbeanzeigen auf seiner YouTube Präsenz und erzielt damit erhebliche Einnahmen. Zudem wurde ein Technoviking Shop eingerichtet, indem T-Shirts, Tassen und vieles mehr mit Abbildungen des Tänzers verkauft wurden. Der Technoviking taucht sogar als Adaption in Computerspielen auf. Fritsch sammelt zudem die vielen Adaptionen seines Videos in einem Technoviking-Archive.

Der Techoviking und seine Moves sind zum Internet Hit geworden. Die Zugriffszahlen auf YouTube gehen in die Millionen.

Anspruch auf Unterlassung der Verbreitung des Videos

Nach eigenen Angaben versuchte Fritsch den Straßentänzer zu finden. Ende 2009 meldet sich dann der Techno-Tänzer über seinen Anwalt und fordert Fritsch auf, die Verbreitung des Videos zu unterlassen. Daraufhin überblendet Fritsch das Original Video und bietet an, es aus dem Netz zu nehmen. Aus seinem Store entfernt er die fotografischen Bilder, nicht aber jedoch die Bilder die von anderen Leuten entworfen wurden.

Der Tänzer sendete daraufhin einen Mahnbescheid an Fritsch. Fritsch legte Widerspruch ein. So kam es drei Jahre später zu Klage.

Der Tänzer fordert Schadensersatz in Höhe von 13.000 € und Schmerzensgeld in Höhe von 10.000 €. Das Landgericht in Berlin musste entscheiden. (hier das Urteil)

Technoviking: Persönlichkeitsrecht vs. Kunstfreiheit

Das Landgericht Berlin wog in seinem Urteil vom 30.05.2013 (Az. 27 O 632/12) zwischen dem Persönlichkeitsrecht des Technoviking und der Kunstfreiheit ab. Die Abwägung viel zugunsten des Persönlichkeitsrechts aus. Der Technoviking hat einen berechtigten Anspruch auf Unterlassung der Verbreitung des Videos. Ebenso ist es zu unterlassen, die T-Shirts und andere Artikel mit seinem Bildnis zu verbreiten.

Dass der Technoviking das Video gesehen und erstmals nichts unternommen hat, stellt keine Einwilligung dar. Fritsch argumentierte, dass dann jedenfalls durch den Blick in die Kamera, eine stilschweigende Einwilligung vorliegen würde. Dies verneinten die Richter. Fritsch hatte damals also keine Einwilligung eingeholt und verletzte damit das Recht am eigenen Bild des Tänzers.

Video bloße handwerkliche Abbildung

Das Gericht geht in seiner Begründung auf den Kunstbegriff ein und stellt sich die Frage, ob das Video Kunst sei. Sie entschieden: Nein, das Video wurde zwar als Kunst deklariert und später für künstlerische Zwecke benutzt. Allerdings enthält das Video ein Motiv, dass der Beklagte Fritsch nicht selbst erschaffen habe, sondern das in der Realität existiere. Das Video sei nicht verfremdet oder gestaltet wurden, sodass es lediglich eine handwerkliche Abbildung darstelle.

Der Persönlichkeitsrechtsschutz trete also in den Vordergrund, da das Video nicht kunstgerecht bearbeitet wurde, sondern nur eine handwerkliche Abbildung sei. Auch könne Fritsch sich nicht auf die Kunstfreiheit berufen, da er durch die gemachten Youtube-Einnahmen kommerzielle Interessen verfolge.

Jetzt tanzt er nicht mehr?

Der Technoviking hat also einen Anspruch auf Unterlassung der Verbreitung des Videos. Fritsch muss zudem um die 10.000 € zahlen für Lizenzzahlungen, Anwalts- und Gerichtskosten. Hierfür startetet Fritsch bereits eine Crowdfunding-Kampagne.

Den geltend gemachten Schmerzensgeldanspruch in Höhe von 10.000 € spricht das Gericht nicht zu.

Der Tänzer forderte Schmerzensgeld mit dem Argument, das Video hätte negative Auswirkungen auf sein Berufsleben. Bei seiner Arbeit werde er immer wieder auf das Video angesprochen.

Technoviking will aus „Mediatisierung seiner Person Kapital schlagen“

Das Gericht urteilte, dass der Kläger sich zu viel Zeit gelassen hätte (3 Jahre) seinen Entschädigungsanspruch geltend zu machen. Ihm ginge es nicht um die zeitnahe Beseitigung der Folgen der Berichterstattung.

Stattdessen ginge es dem Kläger darum, aus der Mediatisierung seiner Person Kapital zu schlagen.

Nicht hingegen um Genugtuung für eine mit der Persönlichkeitsverletzung nachvollziehbar einhergehende Kränkung.

Recht stößt im Internet an seine Grenzen

Das Urteil zeigt wie unser Rechtssystem im Internet an seine Grenzen stößt. Der Tänzer hat zwar einen Anspruch auf Unterlassung der Verbreitung des Videos. Das ursprüngliche Video muss von Fritsch verändert und unkenntlich gemacht werden.

Es befinden sich jedoch Tausende von Adaptionen des Videos weiterhin im Internet. Die Adaptionen können weiterhin geteilt und so verbreitet werden. Dagegen kann der Technoviking nichts unternehmen. Der Tanz des Technoviking wird also so schnell nicht in Vergessenheit geraten.

Christian Solmecke ist Partner der Kanzlei WILDE BEUGER SOLMECKE und inbesondere in den Bereichen des IT-, des Medien- und des Internetrechts tätig. Darüber hinaus ist er Autor zahlreicher juristischer Fachveröffentlichungen in diesen Bereichen.

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