Internetrecht

Rasterfahndung für jedermann: Facebook’s neue Funktion “Graph Search”

Möchte jemand mit mir Tennis spielen? Kann jemand ein Restaurant in Münster empfehlen? Gibt es Freundesfreunde, die in meiner Stadt leben, weiblich, single, zwischen 18 und 25 Jahren alt sind und meinen Lieblingsclub mögen?

Das alles sind Fragen, die Facebook zukünftig beantworten kann. Besonders die letzte Frage zeigt vermutlich am deutlichsten das Ausmaß der neuen Facebook-Funktion “Graph Search”. Am 22. Juli 2013 wurde nach einem halben Jahr Testphase die neue Suchfunktion für alle Mitglieder freigeschaltet. Jeder, in seinem Facebookaccount  “English (US)” als Standardsprache einstellt, kann Graph Search nun nutzen – auch deutsche Mitglieder.

Fans der Kanzleiseite mögen Bier und Fußball besonders gerne

Die Möglichkeiten durch „Graph Search“ sind grenzenlos. Man kann nahezu alle Informationen, die Nutzer in Facebook angegeben haben, als Suchfilter benutzen und kombinieren. Das erstreckt sich vom Alter, über den Wohnort, die Religion, die Sprache, den Arbeitsplatz, die Universität, den Studiengang bis hin zum Beziehungsstatus. Doch nicht nur das, die Suchanfrage lässt sich auch noch mit betätigten Likes verknüpfen.
So lassen sich beispielsweise auch interessante Dinge über die Fans der Kanzlei WBS herausfinden. Die Personen, die der Kanzleiseite DIE AUFKLÄRER | Kanzlei WBS ein Like gegeben haben, mögen scheinbar Bier und Fußball besonders gerne und sind häufig Sympathisanten der Piratenpartei.

Rasterfahndung par excellance

Es lassen sich aber noch sehr viel mehr Parameter miteinander in einer Suchanfrage verknüpfen. So lässt sich mit der Suchanfrage “Female single Friends of Friends who live in Bonn and like Hausbar” ohne Probleme herausfinden, welche Freundesfreundinnen ohne festen Freund denn gerne in den Bonner Laden Hausbar feiern. Eine neue Art des Facebook-Stalkings steht bevor, denn Rasterfahndung ist dank Facebook nun für jeden möglich und liefert die Ergebnisse auf dem Silbertablett. Na vielen Dank.

Kenne ich jemanden, der jemanden kennt, der mit mir zum Ballett gehen möchte?

Doch Facebook ist noch lange nicht zufrieden. Der leitende Ingenieur bei Facebook und für das “Graph Search”-Projekt mitverantwortliche Samuel Rasmussen geht beispielsweise gerne zum Ballett. Gleichgesinnte im kalifornischen Palo Alto zu finden war bisher eine schwierige Angelegenheit für ihn, denn kaum jemand gibt bei Facebook an, dass er etwas allgemein formuliertes wie “Ballett” mag. Facebook muss hier quasi mitdenken und verwandte Seiten, die etwas mit Ballett zu tun haben, mit in die Suche einbeziehen. Bereits nach der sechsmonatigen Testphase findet Rasmussen weitaus mehr Personen als die zwei Personen die er zu Beginn fand. Und der Algorithmus wird stetig verbessert.

Auch Veranstaltungszusagen werden bald in die Suche integriert, sodass jemand, der häufig durch Klicken angibt, zu Ballettveranstaltungen zu gehen, auch als Suchergebnis angezeigt wird. Aber es geht noch weiter. Wer zukünftig vor hat, zu einer Veranstaltung zu gehen, kann sich (sobald Facebook-Events in Graph Search implementiert sind), auch vorher schon anhand eigens festgelegter Kriterien die meist mehreren hundert „Zusagen“ durchsuchen. Erasmusstudenten könnten vorher nachschauen, ob denn jemand kommen wird der die eigene Sprache spricht. Die Möglichkeiten sind wahrlich grenzenlos.

Menschen sind vergesslich – Facebook nicht

Man vergisst schnell, welche Seiten man eigentlich alle geliked hat. Facebook vergisst nichts. So lässt sich je nach Menge der Likes schon fast ein umfassendes persönliches Profil von jemandem erstellen. Durch Graph Search wird die Suche nach Informationen nun um einiges einfacher. Das ganze hat Tom Scott auf seinem Blog Actual Facebook Graph Searches auf die Spitze getrieben. Wie wäre es mit der Suche “Spouses of married people who like Ashley Madison” (dt: Ehegatten von verheirateten Leuten, die eine “Betrüge deinen Partner – Dating Seite” geliked haben) oder “Married people who like Prostitutes” (dt: Verheiratete Leute die Prostituierte mögen) oder “Current employers of people who like Racism” (dt: Arbeitgeber von Leuten, denen Rassismus gefällt). Auch politische Verfolgung ist nun dank Facebook möglich: “Family members of people who live in China and like Falun Gong” (dt. Familienangehörige von Leuten, die in China leben und Falun Gong [wird in China staatlich verfolgt] geliked haben).

Das Gegenmittel: Privatsphäre-Einstellungen

Doch was hilft dagegen? Nach jeder Information, welche man als “öffentlich” bei Facebook angegeben hat, kann theoretisch jeder, der eine Milliarde Facebooknutzer zukünftig per Graph Search suchen. Wer also schon immer mal seine Privatssphäre-Einstellungen kontrollieren wollte, der sollte das spätestens jetzt tun. Aber auch hinsichtlich der Informationen, die nur Facebook-Freunde sehen können, ist Vorsicht geboten – vor allem wenn man mit mehreren hundert Nutzern vernetzt ist. Nach wie vor gilt: Man sollte nichts in Facebook posten oder angeben, was man nicht auch in der Fußgängerzone der Heimatstadt laut herausschreien würde.

Personalisierte Werbung in Facebook

Was kommen wird ist abzusehen. Facebook will endlich Geld verdienen und ein großes Stück vom Kuchen der Internetwerbung, welcher momentan mit 42% hauptsächlich Google gehört. Um so präziser ein Profil ist, desto leichter kann darauf zugeschnittene persönliche Werbung angeboten werden: Sie mögen Ballett? Das sind die Aufführungen in Ihrer Stadt, hier gibts Eintrittskarten. Übrigens, diese Freunde von Ihnen mögen ebenfalls Ballett, kaufen Sie doch gleich Tickets für alle.

Graph Search. Faszinierend, beeindruckend aber auch sehr beängstigend.

 

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Christian Solmecke ist Partner der Kanzlei WILDE BEUGER SOLMECKE und inbesondere in den Bereichen des IT-, des Medien- und des Internetrechts tätig. Darüber hinaus ist er Autor zahlreicher juristischer Fachveröffentlichungen in diesen Bereichen.

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