E-Commerce

Trotz neuer Widerrufsregelungen im Online-Handel: 76% der Shops übernehmen Rücksendekosten

Das Geschäft im Web floriert – doch vor allem im Modesektor geht noch immer beinahe jedes zweite Paket zurück. Vor gut einem Jahr hat der Gesetzgeber reagiert um mit der Novellierung des Widerrufsrechtes im Fernabsatzvertrieb den Online-Händlern eine Möglichkeit zu geben die Rücksendekosten den Kunden aufzuerlegen. Die Resonanz der deutschen Webshops überrascht.

Die Gesetzeslage im Überblick: Eine EU-Verbraucherrichtlinie provozierte im Juni 2014 unter anderem die Harmonisierung des Widerrufsrechtes im Online-Handel. Der Kunde hat den Widerruf fortan ausdrücklich zu erklären und trägt – aufgrund des Wegfalls der Warenwertgrenze in Höhe von 40 EUR – grundsätzlich die dadurch entstehenden Rücksendekosten, sofern der Online-Shop zuvor auf die Pflichten der Parteien im Widerrufsfall hingewiesen und nicht die Kostenübernahme erklärt hat (vgl. § 357 Abs. 6 BGB).

 

 

 

 

 

 

 

Das Maß der Kundenfreundlichkeit

Unberührt von der Neuregelung bleibt die Rücksendekostentragung durch den Versender im Falle der Lieferung falscher, fehlerhafter oder beschädigter Ware. Eine umfangreiche Befragung der 100 populärsten deutschen Online-Shops durch das unabhängige Verbraucherportal Vergleich.org ergab, dass darüber hinaus 76 Web-Händler weiterhin in Kundenzufriedenheit zu investieren bereit sind. So übernehmen E-Commerce-Profis wie Zalando und Asos, aber auch starke Offliner wie Lidl und Media Markt die Portokosten der Rücksendung in jedem Fall.

Der Kunde muss an dieser Stelle seinen Widerrufswunsch nur deutlich zum Ausdruck bringen. Auch hier stößt der Verbraucher überwiegend auf Entgegenkommen: Formulare, E-Mail- sowie Telefon-Service werden häufig bereitgestellt, um den Kunden nicht zu hemmen und am Ende vom Kauf abzubringen.

Wirtschaftlichkeit im Fokus

Im markanten Kontrast dazu stehen nicht unbedingt kleinere Online-Vertriebler, wie man denken möchte, sondern auch renommierte Unternehmen wie IKEA und Thalia. Sie bitten die Kunde stets zur Kasse – so, wie es das Gesetz mittlerweile ermöglicht.

An der 40 EUR Warenwertgrenze halten immerhin noch 11 % der befragten Shops fest. Unter diesen weilt auch der Versandgigant Amazon, der für Retouren anteilig bis zu 3,50 € Portokosten in Rechnung stellt. Eine milde Maßnahme wenn man bedenkt, dass der Konzern auf Besteller mit besonders hohem Retour-Anteil bereits mit Account-Sperrungen reagierte.

Eine weitere Art der Handhabung: Die Vollretour aller Artikel einer Bestellung übernimmt der Händler, einzelne nicht gefallende Artikel muss der Kunde aber auf eigene Kosten retournieren. Sport- und Freizeit-Ausstatter Sportscheck sowie das Online-Einrichtungshaus Westwing gehen diesen Weg.

Ausblick

Die Intention des Gesetzgebers war eindeutig: die kostenmäßige Entlastung der Versender. Doch in der Realität des hart umkämpften Web-Geschäftes herrscht großer Zugzwang unter den Wettbewerbern: Den Pitch um wankelmütige Impuls-Shopper gewinnt, wer mit unkomplizierten und vor allem kostenfreien Versandlösungen punkten kann.

Deshalb ist auch ein Jahr nach der Gesetzesanpassung noch damit zu rechnen, dass Versandhändler die Rücksende-Wende nutzen, um die Gunst der Kunden zu gewinnen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Vollständigkeit halber möchten wir nicht unerwähnt lassen, dass im Rahmen der Shop-Umfrage sämtliche Informationen durch die Unternehmen selbst zur Verfügung gestellt, bzw. anhand ihrer AGB zusammengetragen worden sind. Für die Aktualität der jeweiligen Daten bieten wir keine Gewähr.

Christian Solmecke ist Partner der Kanzlei WILDE BEUGER SOLMECKE und inbesondere in den Bereichen des IT-, des Medien- und des Internetrechts tätig. Darüber hinaus ist er Autor zahlreicher juristischer Fachveröffentlichungen in diesen Bereichen.

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RSSKommentare (2)

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  1. Mik sagt:

    Nachdem diese große Welle losrollte, von wegen, man müsse jetzt selbst zahlen etc., muss ich mal sagen, dass dafür aber noch arg viele die Kosten übernehmen, schon krass.

  2. Anton sagt:

    Ich denke, für die großen Shops ist das auch überhaupt kein Problem, aber die kleinen werden es schon nicht so easy stemmen können, wenn sie das alles zahlen sollen…muss man halt vielseitig betrachten.

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