Arbeitsrecht

Keine Diskriminierung, wenn Verband das Übergewicht einer Bewerberin kritisiert

Seit Jahren haben Arbeitnehmer durch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) die Möglichkeit, sich gegen Diskriminierungen zu wehren. In vielen Fällen ist das Vorhaben auch erfolgreich, da Arbeitgeber nicht selten preisgeben, unter welchen fadenscheinigen Gründen sie den Kandidaten nicht einstellen. Diskriminierend ist regelmäßig, die potenziellen Arbeitnehmer aufgrund ihres äußeren Erscheinungsbildes abzuweisen. Dass eine Regel auch Ausnahmen hat, zeigt ein aktuelles Urteil des Amtsgerichts (ArbG) Darmstadt.

 Keine Diskriminierung, wenn Verband das Übergewicht einer Bewerberin kritisiert ©-Thomas-Jansa-Fotolia

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„Warum kein Normalgewicht?“

Eine Frau hatte sich auf einen Posten beim „Borreliose und FSME Bund Deutschland“ beworben. Der in der Nähe von Darmstadt ansässige Verband vertritt Patienten, die aufgrund Zeckenbissen erkrankt sind. Die Bewerbung zielte nicht auf eine Angestellten-Stelle, sondern auf den Geschäftsführerposten. Das schien gar nicht so abwegig, nach einem ersten Gespräch wurde ein weiterer Interview-Termin vereinbart.

Dazu kam es aber gar nicht. Nicht etwa, weil die Frau wieder ausgeladen wurde, sondern auf eigenen Wunsch. Ihr stießen nämlich die Vorgänge aus der ersten Vorstellungsrunde sauer auf. Passiert war folgendes: Dem Ehemann der Bewerberin hatte die stellvertretende Vereinsvorsitzende schon mitgeteilt, dass sie nicht mehr wiederkommen brauche, sofern sie ihr hohes Gewicht nicht erkläre. Später wurde auch die Kandidatin selbst gefragt, warum sie kein Normalgewicht habe.

Die Frau hatte Kleidergröße 42 und wog bei 1,70 Metern Körpergröße 83 Kilogramm. Der Bodymaß-Index (BMI) beträgt somit 28,7, was eine deutliche Übergewichtigkeit bedeutet. Die Grenze zu Normalgewicht liegt bei 25, ab einem Wert über 30 geht man von einem krankhaften Übergewicht aus.

Äußerliches Erscheinungsbild wichtig

Statt die Bewerbung weiterzuverfolgen, verlangte die gekränkte Frau per Zivilklage 30.000 Euro Schadensersatz wegen Diskriminierung. Das AG Darmstadt war anderer Meinung und wies die Klage ab (Urteil vom 12.06.2014, Az. 6 Ca 22/13). Gerade Führungsposten dürften nämlich durchaus nach dem äußeren Erscheinungsbild der Bewerber besetzt werden.

Eine Diskriminierung wäre zunächst auch nur dann gegeben werden, wenn das Übergewicht die Dimension einer Behinderung erreicht hätte. Da aber zumindest noch normales Übergewicht vorlag, schied diese Möglichkeit aus. Der Verband war der Ansicht, dass eine übergewichtige Geschäftsführerin die Empfehlungen des Vereins für Ernährung und Sport konterkarieren würde.

Dem stimmte das Gericht im Kern zu. Insbesondere die Einladung zu einem zweiten Gespräch spreche gegen eine Persönlichkeitsrechtsverletzung. Der Klägerin wurde immerhin die Möglichkeit gegeben, ihre Äußerlichkeit näher zu begründen. Dem Arbeitgeber wird durchaus zugestanden, dass er das Aussehen des Arbeitswilligen bewertet und versucht, mit der Philosophie des Verbandes in Einklang zu bringen. Neben fachlichen Kompetenzen können also auch Äußerlichkeiten mit einfließen. Entscheidend ist immer nur, wie man damit umgeht.

Plausible Empfehlung für gesundheitsbewusstes Verhalten

„Der Verband darf berücksichtigen, ob die Klägerin aufgrund ihrer Gesamtpersönlichkeit und Erscheinung bereit und in der Lage ist, die Anliegen des Vereins, namentlich dessen Empfehlungen für ein gesundheitsbewusstes Verhalten, überzeugend zu vertreten“, so die Entscheidung im Wortlaut.

Mit dem Urteil bleibt also festzuhalten, dass Bewerber nicht zu früh von einer Diskriminierung ausgehen dürfen. Wer sich beispielsweise auf einen Posten bei einem Sport- oder Ernährungsverband bewirbt, muss damit rechnen, dass auch begründet auf sein Äußerliches geachtet wird.

Michael Beuger ist Partner der Kanzlei WILDE BEUGER SOLMECKE. Er hat sich auf die Beratung mittelständischer Unternehmen aus der Bau-, Lebensmittel-, Kosmetik- und Werbebranche in allen wichtigen Wirtschaftsfragen, spezialisiert.

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