Arbeitsrecht

BAG zu Kettenbefristungen – „Der Alte“ durfte durch „Junge“ ersetzt werden

Nach 18 Jahren war Schluss für den Schauspieler Sanoussi-Bliss der ZDF-Serie „Der Alte“. Sein Charakter wurde durch einen jüngeren Schauspieler ersetzt. Dazu hatten die Macher der Serie auch das Recht, entschied jetzt auch das BAG. Schauspieler zu sein ist eben nicht so sicher wie eine Lebenszeitbeamtenstelle als echter Kommissar.

Von unbekannt (Neue Münchner Fernsehproduktion / ZDF ?) – Vorspann der Serie, Gemeinfrei

Der Schauspieler Pierre Sanoussi-Bliss (55), der 18 Jahre lang der ZDF-Serie „Der Alte“ sein Gesicht als Kommissar Axel Richter gab, durfte auch nach einer so langen Zeit aus der Serie herausgeschrieben und durch einen jüngeren Kollegen ersetzt werden. Diese Entscheidung traf nun das Bundesarbeitsgericht (BAG) (Urt. v. 30.08.2017, Az. 7 AZR 864/15).

Ebenso durfte es seinem Kollegen Markus Böttcher (53) ergehen, der sogar 28 Jahre lang den Kommissar Werner Riedmann gegeben hatte. Dies war in einem weiteren Prozess entschieden worden.

Plötzlicher Rauswurf nach 18 bzw. 28 Jahren

Der Schauspieler Sanoussi-Bliss, um den es in dieser Entscheidung ging, hatte von der „Neuen Münchener Fernsehproduktion“ im Auftrag des ZDF für jede der fast 170 Folgen einzelne Pauschalvergütungen von zunächst 21.500 Euro, später 18.000 Euro, erhalten. Dies wurde jeweils in sog. Mitarbeiter-Verträgen bzw. Schauspielverträgen geregelt.

2014 wurden die beiden Schauspieler dann informiert, dass ihr Engagement bereits nach weiteren zwei Folgen enden solle und sie durch jüngere Schauspieler ersetzt würden. Diese Ankündigung, dass das Engagement nach der letzten Befristung enden würde, wiederholte die Produktionsfirma dann noch einmal schriftlich. Alternativ sprach die Firma dann noch eine außerordentlich fristlose, hilfsweise eine ordentlich fristgerechte Kündigung aus.

Schauspieler klagte bis vor das BAG – und verlor

Sanoussi-Bliss hatte gegen den Rausschmiss aus der Serie 2014 bis vor das höchste deutsche Arbeitsgericht geklagt. Er war der Ansicht, es habe sich um unzulässig kettenbefristete Arbeitsverträge gehandelt. Das Arbeitsverhältnis bestünde daher weiter fort und der Lohn sei somit weiterhin zu zahlen. Außerdem müsse die Produktionsfirma im Hinblick auf die Vergangenheit alle Sozialversicherungsbeiträge für ihn zahlen, wie für jeden anderen Arbeitnehmer auch.

Diese Auffassung teilte jedoch keines der Gerichte, die mit dem Fall befasst waren – zunächst das Arbeitsgericht (ArbG) München (Urt. v. 21.04.2015, Az. 3 Ca 14163/14), anschließend das Landesarbeitsgericht (LAG) München (Urt. v. 29.10.2015, Az. 4 Sa 527/15). Auch die Erfurter Richter erteilten Sanoussi-Bliss Auffassung eine Absage. In diesem Fall überwögen nämlich die grundgesetzlich garantierte Kunstfreiheit der Produktionsfirma das Interesse des Schauspielers auf Fortbestand seiner Arbeit.

Die Kunstfreiheit auf freie Gestaltung des Drehbuchs überwiegt

Die höchsten Arbeitsrichter sahen durchaus einen Sachgrund für die Kettenbefristung der Verträge. Dieser ergebe sich aus der Eigenart der Arbeitsleistung, wie es in § 14 Abs. 1 S. 2 Nr. 4 Teilzeit- und Befristungsgesetz (TzBfG) heißt. Danach kann es ausnahmsweise zulässig sein, Arbeitsverträge immer wieder zu befristen, wenn die Eigenart der Arbeitsleistung die Befristung dies rechtfertigt. Und eine solche Eigenart sei in diesem speziellen Fall durchaus gegeben.

Ein Drehbuch zu schreiben und die Dramaturgie, insbesondere die Besetzung einschneidend zu verändern, unterliege der Kunstfreiheit, die durch Art 5 Abs. 3 Grundgesetz (GG) geschützt werde. Zwar müsse sie mit dem Interesse des Schauspielers am Bestand seines Arbeitsverhältnisses abgewogen werden, welches ebenfalls grundgesetzlich über Art. 12 GG, die Berufsfreiheit, zu schützen sei.

Doch im Rahmen einer Interessenabwägung überwiege in diesem Fall das Grundrecht der Produktionsfirma auf freie Gestaltung des Drehbuchs. Die Entscheidung der Produzenten, die Rolle nur befristet zu besetzen, beruhe auf künstlerischen Erwägungen. Die langjährige Beschäftigung überwiege nicht das Interesse an einer kurzfristig möglichen Fortentwicklung des Formats durch die Streichung der Rolle. Der Schauspieler habe einerseits der Serie durch seine darstellerische Leistung maßgeblich seine Prägung gegeben und sei eines der tragenden Gesichter der Serie gewesen. Gerade diese Prägung einer Serie sei der Kernbereich des künstlerischen Konzepts des Produzenten.

So bleiben am Ende nur die wahren Worte des LAG München, wonach die Rolle eines Kommissars eben nicht zu einer Lebenszeitbeamtenstelle einhergehe, die ein Kommissar im realen Leben hat.

ahe

Rafaela Wilde ist Partnerin der Kanzlei WILDE BEUGER SOLMECKE und beratende Justiziarin des Film- und Medienverbands NRW e. V. Sie vertritt bereits seit Jahren erfolgreich die Interessen von Film- und Fernsehproduzenten gegenüber der Landesregierung NRW, den Fernsehsendern und anderen Wirtschaftspartnern.

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